Ein Sonntag in Buenos Aires.

10 01 2010

Die Stadt hat einen anderen Rhythmus an Sonntagen. Freie Straßen, leere Zentren. Schlafen, den chronischen Schlafmangel der Woche aufholen. Fiaca ist vielleicht das argentinische Wort, das die Sonntage am Besten beschreibt, eine Mischung aus Lust zum Nixtun; Faulheit, die man genießt.

Wir fahren mit den Rädern zur Estacion Once, einem der großen Bahnhöfe in der Stadt. Züge, die von hier aus Richtung Westen nach Gran Buenos Aires, den metropolitanen Großraum der Stadt fahren, sind dreckiger, älter als die Züge, die in die reicheren Stadtteile des Nordens fahren. Leute, die diese Züge nehmen, einfacher, ärmer.

Sonntags im Zug nach Merlo

Das Fahrradabteil ist immer das schäbigste. Keine Sitze, Türen die nicht schließen, ein paar Gestalten, die auf dem dreckigen Boden sitzen und Marihuana rauchen. Einer unserer Mitfahrer ist nur in den Zug eingestiegen, um bei jemandem ein paar Züge vom Joint zu ergattern, bei der nächsten Station steigt er aus und fährt wieder nach Hause. Dort hatte er nichts mehr zu rauchen und außerdem Langeweile.

Die Zugfahrt nach Merlo, einer Kleinstadt des Großraums, dauert etwa 45 Minuten und kostet 1 Peso nochwas, 20 Cent etwa. Der Nachmittag ist hübsch, warme Sonne. Wir parken unsere Fahrräder im Wagon und hängen uns in die offenen Türen, genießen den Fahrtwind oder setzen uns gegenüber auf den Boden und lassen die Stadt und die Landschaft wie in einem Film an uns vorüberziehen. Mariano hat seine Gitarre immer dabei, und macht Musik, spielt vom Anfang der Fahrt bis wir aussteigen. Im Abteil mischt sich das Klappern und Rattern des Zuges auf den Schienen mit Klängen argentinischer und spanischer Balladen, Manu Chao und Mundharmonika.

Die unwirtliche Stimmung im Abteil verwandelt sich in eine wunderschöne Zugfahrt, die verschlossenen Gesichter all der verschiedenen Gestalten erhellen sich, alle lauschen, beobachten den Sänger, singen leise mit, wippen mit den Füssen, genießen. Diese Musik verbindet alle die Menschen in diesem Abteil, unabhängig davon wie unterschiedlich sie sind. Wäre da nicht die gemeinsame Musik gewesen, hätten die Menschen in diesem Abteil wahrscheinlich nie einen Blick gewechselt, vielleicht ist dieser Moment im Zug ihre alleinige Gemeinsamkeit. Zwei Straßenverkäufer mit dreckigen, kaputten Klamotten sind besonders begeistert – welche Freude Musik machen kann. Straßenkinder steigen ein, sofort steuern sie auf Mariano zu und lauschen, lachen, scherzen mit ihm.

In Merlo, dem verschlafenen Städtchen angekommen, fahren wir zum Haus der Oma von Nacho und genießen die letzten lauen Sonnenstrahlen in ihrem Garten, einem Blumenmeer, den 3 Meter hohen Stümpfen eines einst riesigen Ombús, einem typischen Baum dieser Region. Nur 40 Jahre hat dieser Baum gebraucht um riesig zu werden, man kann es sich noch vorstellen, wie er aussah, bevor ihm seine Krone geraubt wurde. Sein Holz ist faserig und man kann es nicht zum Bauen oder Verabeiten benutzen, nichtmals zum Verbrennen, schimpft Nachos Onkel, der den ganzen Nachmittag im Garten herumwerkelt, Blumen schneidet, Gartenmöbel mit abgeblättertem Lack einen neuen Anstrich verleiht.

Hinten im Garten steht eine kleine Hütte, das Heiligtum von Nachos verstorbenem Opa, in der es nach alt und moderig riecht und die vollgestopft ist mit kleinen Schätzen. An den Wänden hängen alte Felle, alle möglichen Utensilien eines Gauchos, Instrumente, Fotos, natürlich von Carlos Gardel und unter anderem auch eines, als Maradona, der Maradona mal in genau diesem Rancho, dieser Hütte gegessen hat. In der Ecke ein Kamin, auf dem wir später in einer gusseisernen Pfanne auf dem Feuer Essen machen. Der größte Schatz der Hütte aber ist ein uraltes Grammophon, was einwandfrei funktioniert und die liebevoll sortierte Plattensammlung des Abuelos. Wir lauschen den knisternden Tangos von Carlos Gardel aus dem Grammophon und ich fühle mich wie in einer anderen Welt.

Ein Sonntag in Buenos Aires.

Un Sueño





La Villa.

27 12 2009

Villas Miserias, Elendssiedlungen, heißen die Armenviertel in Buenos Aires, die ständig wachsend, den so genannten Armutsgürtel um die Stadt bilden.

Anders als in anderen lateinamerikanischen Metropolen wie Caracas z.B., in denen die Armenviertel im Stadtbild präsent sind, man ständig damit konfrontiert wird, kann man in Buenos Aires leben, ohne je diese Seite der Großstadt kennenzulernen. Das, was man in den besseren Vierteln von der Armut am Rande der Stadt mitbekommt, zeigt sich am Abend: Ein paar Straßenkinder, die in Hauseingängen in Pappkartons schlafen oder in Bahnhöfen und Straßenkreuzungen auf der Suche nach Kleingeld sind; die Cartoneros, Menschen, die Pappe sammeln und ihre vollen Karren durch die Straßen ziehen; und jene, die die Müllsäcke der Haushalte, die Abends auf die Straße gestellt werden, nach Brauchbarem durchsuchen…

Argentiniens Villas, sind als Armenviertel eines – im Vergleich zu seinen Nachbarn auf dem Subkontinent – reichen Landes vielleicht besser dran, organisierter als andere, bestehen zumeist aus Häusern aus Stein, haben  illegal Zugang zu Strom und fließend Wasser. In den ständig wachsenden Villas der Stadt Buenos Aires leben nach Schätzungen mindestens 120 000 Personen. Die „Villa“, bleibt jedoch das große Unbekannte, wird als eigene Welt außerhalb des hippen, schicken, modernen Buenos Aires konzeptualisiert, ständig dämonisiert, mit Kriminalität und Drogen untrennbar verbunden. Villas gelten als Niemandsland, als unantastbar. Aber vor allem sind sie unsichtbar, sie werden übersehen, ignoriert im täglichen Leben der Porteños, das sich fast immer auf den gleichen Routen in der Stadt abspielt, die nie die Villas kreuzen. Zuerst scheint es erstaunlich, dass die Villas in keinem regulären Stadtplan eingezeichnet sind, aber genau das macht Sinn, sie spielen eben keine Rolle in der Landkarte ihrer „regulären“ BewohnerInnen.

Die Villa 31 liegt direkt hinter Retiro, einem schicken Stadtviertel, mit Hochhäusern und dem Hilton-Hotel, Verkehrsknotenpunkt mit Bahnhof, Busbahnhof, und Hafen. Hinter stillgelegten Schienen, nur wenige Meter vom zentralen Omnibusbahnhof, der Buenos Aires mit dem Landesinneren verbindet, befindet sich die Endstation der Stadtbusse und dort beginnt die Villa 31. Riesige aufgestapelte Container bilden die Begrenzung der Hauptstraße, der Flaniermeile der Villa, der einzigen gepflasterten Straße im Viertel. Wie so viele Villas wurde auch die 31 in der Diktatur dem Boden gleich gemacht, heute ist sie größer als je zuvor, etwa 26 000 Menschen, vor allem MigrantInnen leben hier, aus dem Innern des Landes, aus Bolivien, aus Paraguay. Obwohl die Straßen anscheinend keine Namen verdienen, nur Straße 13 oder 15 heißen, gibt es ein System und die Haus- und Straßennummern verzieren in bunter Farbe die mauernen Hauswände. Und trotz der bereitserwähnte Dämonisierung ist die Villa 31 genau so ein Viertel wie andere Stadtviertel auch, mit kleinen Lädchen, mit Restaurants, Pizzerien, Zahnärzten und sogar Internetcafés und öffentlichen Räumen wie Spielplätzen. Es ist eben kein Niemandsland, Menschen wohnen und leben dort. Geht man über die Hauptstraße ins Viertel taucht man ein in eine unglaublich geschäftige Welt, überall ist Musik, Leute spielen auf der Straße, Essensstände mit bolivianischer und peruanischer Küche, aufgestapeltes Gemüse…Die meisten Häuser sind aus unverputzten Steinen, mit vergitterten Fenstern, zwei- oder dreistöckig, wachsen sie eng aneinander in dei Höhe und bilden ein Lavyrinth aus kleinen staubigen Gassen, in deren Schatten streunende Hunde dösen. Ausrangierte Gittertüren von Fahrstühlen dienen als Eingangstüren, in den Fenstern hängt Wäsche und stehen Blumentöpfe. In den Häusern gibt es keine Treppen, die oberen Etagen erreicht man über enge Wendeltreppen aus Metall an der Außenwand, die das Straßenbild prägen. Mitten über das Viertel ragt eine riesige Autobahnbrücke, unter dieser Brücke wachsen die Häuser, aus deren Mitte ganz unwirklich eine riesige Werbetafel herausragt, die den Autofahrern, die über die Dächer der Villa rasen, Mobiltelefone anpreist. Surreal.

Es ist so ein ganz anderes Gefühl, wenn man an ein Armenviertel in Deutschland denkt, triste Plattenbauten; das Bild, was man im Kopf hat, ist grau, man denkt Hoffnungslosigkeit und Resignation. Hier ist alles voller Kinder, voller Farben, bunte Häuser, buntes Gemüse, voller Leben, voller Hoffnung. Es wirkt fröhlich. Man unterliegt der Gefahr, die Armut zu romantisieren, aber die Realität holt einen alsbald wieder ein, z.B. wenn man die Menschen sieht, die sich Mittags in der Gemeindekantine eine kostenlose Mahlzeit holen. Oder wenn man bedenkt, wie präsent der Tod in diesem Viertel ist, wie alltäglich die Nachricht von einem Mord und wie viele Menschen Verwandte und Bekannte verloren haben. Etwas, was für uns total weit weg ist.

Celia, Köchin im Comedor „Nuestros Derechos“, einer Kantine, in der es Mittags umsonst ein Essen gibt, ist wie so viele aus Bolivien gekommen, aus La Paz. Hier ist es wie in Bolivien, sagt sie, es werden die gleichen Feste gefeiert, das Essen ist das Gleiche, nur, dass es in Bolivien viel ruhiger ist, hier hingegen so gefährlich. Dieser Gedanke begegnet mir immer wieder, Menschen, die mir erzählen, dass Orte die ihnen fremd sind, gefährlich sind. Woanders redet man wahrscheinlich darüber, dass es in La Paz gefährlich ist.

Hier in der 31 ist das Image des gefährlichen Viertels ist aber schon längst zum Selbstbild geworden, selbst kleine Kinder sagen mir: Pass auf, die Leute hier im Viertel klauen dir alles. Wie, die Leute im Viertel, antworte ich, du auch? Nein, ich nicht. Aber du bist doch auch aus dem Viertel! Ja, stimmt.

Im Campito, einem nachbarschaftlich organisierten Centro Comuntario des Barrios (Viertels) verbringe ich meine Samstage. Eine Organisation aus dem Viertel kam neulich vorbei und ließ die Kinder aus Pappe Häuser bauen, malen und schreiben, wie sie wohnen wollen. Ein kleiner Junge hat ein Haus gemalt. Und geschrieben: Quisiera vivir en un barrio que no le llamen villa. Ich würde gerne in einem Viertel wohnen, dass sie nicht Villa nennen.

Wie will ich wohnen?





Tränen in der Kehle und Tango im Herz

9 11 2009

Freitag Abend, eine kleine Tanguería (Tango-Bar) in Abasto, Buenos Aires‘ Ur-Viertel des Tangos. Unzählige Tangoschulen und Tanzlokale sind hier zu finden, ein Tangomuseum und das Haus von Carlos Gardel, der Ikone des Tangos. Man sagt, er hat gesungen, als hätte er eine Träne in der Kehle. Er war es, der die schwermütige Melancholie des Tangos in der Welt berühmt gemacht, diesen traurigen tazbaren Gedanken.

Tango-OpaIn unserer kleinen, über hundert Jahre alten Tanguería, die nur „Lo de Roberto“ (Das von Roberto/ Robertos) genannt wird, wird nicht Tango getanzt, sondern Tango gesungen. Das Lokal ist klein, ein länglicher Raum mit kaum mehr Platz als für eine Bar und ein paar Tische, eine winzige Bühne von weniger als einem Quadratmeter, auf der zwei kleine Holzstühle stehen, auf denen die Tangomusiker nachher ihre Füße abstellen werden. Tango eine ausgesprochene Männerdomäne, besonders die Musik. An den Wänden im Lo de Roberto stapeln sich bis zu den hohen Decken alte, völlig verstaubte Alkoholflaschen. Hinter dem bröckeligen Putz kommt der Backstein hervor. Der Boden mit den typisch gemusterten Fliesen der Patios alter Häuser in Buenos Aires. Ein uriger Ort.

Die Bar füllt sich, der Tango beginnt. Plätze gibt es längst nicht mehr, die Leute drängen sich zwischen Tischen und Bar. Zwei alte Opis mit Gitarre nehmen die Mini-Bühne und ihre Zuhörer ein, fasziniert, gefesselt lauscht die Menge den Sängern, die, voller Inbrunst, ihre Tangos schmettern.

Begeisterte BraVO-RuferAb und an tritt ein anderer Opi aus dem Publikum dazu, macht sich Platz vor der Bühne und singt, wild gestikulierend, als würde er singend Geschichten erzählen, von Liebe, Abschied, Schmerz. Einer verliert fast seine dritten Zähne bei seiner leidenschaftlichen Performance, kann sie aber gerade noch auffangen und lässt sich nicht davon beirren. Und der Applaus ist tosend, begeisterte BraVO – Rufe und eine Hochstimmung, die mitreißend ist. Je später die Stunde, desto euphorischer, jeder neue Tango, der angestimmt wird, löst Vorfreude aus und die halbe Bar stimmt mit ein. Ich schaue mich um und blicke auf eine Traube (alter) Männer, die sich vor der Bühne und an der Bar erhoben haben und die, einer lauter als der andere, Hände gen Decke gestreckt, Tangos schmettern aus voller Brust.

Ein toller Moment.





Wale vor Valdes

1 11 2009
wikimedia commons

Península Valdes

Nach gefühlten Ewigkeiten kommen wir an, in Madryn. Die Stadt liegt in Patagoniens Provinz Chubut, am Eingang zur Península Valdes, jener Halbinsel, in deren Gewässern sich Wale, See-Elefanten und Pinguine tummeln. Die Wale sind der Grund für unsere Reise, in dieser Jahreszeit kommen sie her, um ihre Jungen in den wärmeren, strömungsgeschützten Buchten zu bekommen.

In Puerto Madryn leben etwa 60 000 Menschen, trotzdem kommt es einem vor, wie ein Dorf. Vom Busbahnhof laufen wir zum Hostel und die Atmosphäre in den Straßen ist verwirrend, etwas ist anders, ungewohnt, unwirklich. Es ist windig, lauwarm. Und überall Staub. Die Straßen und Häuser, alles ist mit einer Staubschicht bedeckt, sandige Erde, die aus der Steppe vom Wind hergeweht wird. Und das ist es auch, was einen zu Beginn so irritiert: Die Farben fehlen!

Ein bisschen ist es, als würde man durch ein vergilbtes Foto laufen, so wirkt diese Stadt unter ihrer Staubdecke. Vielleicht war es hier mal bunt, aber der Staub hat die Farben verschluckt und in meiner Erinnerung auch die Geräusche.

Pinguine beim Spaziergang

Pinguine beim Spaziergang

Wir haben Glück. Am ersten Tag stürmt es so stark, dass wir auf unserem Spaziergang durch das Pinguin-Paradies Punta Tombo fast weggeweht werden. Wind ist toll. Er macht frei. Mit enormer Kraft bläst er durch einen durch und gibt einem das Gefühl von Erneuerung. Man kann sich fast in den Wind hinein legen, so stark ist er. Pinguine sind auch toll. Liegen in ihren Erdlöchern auf ihren Eiern und ab und an machen sie einen Spaziergang, watscheln zum Entzücken der Touristen von einem Busch zum nächsten. Soweit das Auge blickt, nur Büsche, Erde und Pinguine. Tausende. Und auf der anderen Seite das Meer.

Am nächsten Tag ist es wie durch ein Wunder windstill und die Sonne strahlt! Deswegen ist die Walbesichtigung heute möglich, gestern hat kein Schiff den Hafen verlassen. Im kleinen Städtchen Puerto Pirámides, der einzigen Siedlung auf der Halbinsel, treffen wir Mariano, den Seebärn vom Dienst, redselig. Natürlich vergisst er nicht, zu betonen, dass er höchstpersönlich das Whalewatching erfunden hat. Mit Leib und Seele Kapitän erzählt er uns Geschichten von seiner Familie, von Hölzken und Stöckscken und dem einzigen Jungen in unserer Gruppe vertraut er Geheimnisse über die enormen Geschlechtsteile der Wale an. Ganz von Mann zu Mann.

Seebär Capitán Mariano

Seebär Capitán Mariano

Dann, die Wale. Direkt neben unserem Boot. Unglaublich! UNglaublich. Die riesigen Körper, große graue Massen, die sich trotzdem so majestätisch und elegant im Wasser bewegen. Zwei Männchen und ein Weibchen, vertieft in ihr Paarungsspiel, stören sich nicht an ihren Zuschauern und geben dumpfe, röhrende Geräusche von sich, verschwinden, tauchen wieder auf, drehen sich in alle Richtungen und lassen einen völlig ehrfürchtig und high zurück. Was für ein krasser Anblick!





Busfahren III: 1500 km ohne Anfang und Ende.

27 10 2009

Meine erste Reise ins Land. Fast 1500 km in den Süden, 18 Stunden Busfahrt! Ich bin total gespannt, was vom Land zu sehen, ein Gefühl für seine Größe zu bekommen. 18 Stunden Fahrtzeit heißt in Europa den halben Kontinent zu durchqueren, von Deutschland aus wäre ich nach 1500 km längst in Rom, hier habe ich nicht mal das halbe Land geschafft. Alles, was bis 500km im Umkreis von Buenos Aires liegt, gilt hier als „in der Nähe“. Man hat keine Vorstellung von der Größe!

1500 km von Buenos Aires

1500 km von Buenos Aires

Wir fahren mit einem halbleeren zweistöckigen Reisebus, über Nacht, Semi-cama, Halbbett. Abfahrt pünktlich um 20.45 an Retiro Busbahnhof. Wir haben die Plätze oben ganz vorne an der Scheibe. Catering an Bord ist inbegriffen, ein wenig appetitlich pappiges Milanesa (Schnitzel), zum Nachtisch eine undefinierbare glibbrige Paste, alles in Plastik eingeschweißt. Der freundliche Steward ist aber sehr bemüht, spricht euphemistisch von cena, Abendessen (was in meinen Ohren so wie Dinner klingt), und animiert den ganzen Bus zum Bingo spielen. Er verliest die Zahlen übers Mikrofon. Der glückliche Gewinner, der zuerst „Bingo Andesmar!“ ruft (Andesmar ist der Name der Busgesellschaft), bekommt eine Flasche Wein aus Mendoza. Ein bisschen komme ich mir vor wie in „Club Las Piranhas“. Im Fernsehen laufen zum Frühstück 80erJahre Musikvideo-Medleys.

La cena

Draußen zieht die Landschaft an uns vorbei. Stunden um Stunden Nichts. Eine unendlich erscheinende Straße, drumherum Nichts. Nur Steppe. Tausende Kilometer, nach rechts und links ewig flaches Land, trocken, karg, kleine Büsche, soweit das Auge reicht. Die Nacht in der Steppe ist schwarz und schwer und die unzählbaren Sterne hängen so tief, dass sie fast den Horizont berühren.

Es ist unbeschreibbar, man hat das Gefühl im vollen Nichts zu sein. Wie viel dieses Landes wohl einfach so aussieht wie diese Steppe, so leer und so weit. Irgendwie ist diese Weite aber dann doch beklemmend, man ist sie nicht gewöhnt, man lebt im Rhythmus der Städte, dem scheinbaren Pulsschlag der Welt. Und ein Ort, der stattdessen aus so viel Nichts besteht, verwirrt mich. Und zum ersten Mal habe ich angesichts dieser unendlichen Weite das komische Gefühl nicht mehr zu wissen, wo Anfang und wo Ende ist. In der Stadt merkt man davon nichts, weil das Drumherum an Bedeutung verliert, hier jedoch werden die kleinen Städte von ihrer mächtigen Umgebung verschluckt. Man kann ewig und ewig fahren und es passiert nichts, vielleicht kommt mal alle paar hundert Kilometer eine kleine Stadt, aber drumherum ist wieder nichts. Und auf der Durchfahrt verliere ich das Gefühl der Mitte, was man in der Stadt hat, auf einmal wird alles nur zu einem Punkt im Nichts. Wo beginnt alles? In Buenos Aires? In Europa? Auch wenn man durch Buenos Aires durchfährt, liegt auf der anderen Seite wieder Nichts, aber man pflegt es zu vergessen, wenn man drin ist. In Europa kommt man vor lauter Dicht-Besiedlung gar nicht mehr auf diesen Gedanken, aber aus dem Nichts betrachtet, ist auch das Dort eben nur ein Punkt im Nichts, der weder Anfang noch Ende noch Mitte ist.

Wir machen den Weg frei. Ins Nichts.

Wir machen den Weg frei. Ins Nichts.

Vormittags halten wir in einer, naja, einer kleinen Stadt, sie erinnert an eine amerikanische Vorstadt, eine Filmkulisse fast, nur dass alles unter einer Staubhülle liegt. Die Häuser sind an der Straße aufgereiht, wie Perlen an einer Schnur. Überall Sand, Staub. Wir steigen aus, was für eine Wohltat nach so vielen Stunden im Bus und es ist unglaublich: Wind! Man fühlt sich, als würde der Wind durch einen durchwehen, einen frei machen von dem ganzen Stress der Stadt. Die Luft ist so unglaublich frisch, nicht kalt, einfach frisch, neu. In Buenos Aires, ganz im Gegensatz zu dem, was der Name vermuten lassen könnte, gibt es ganz bestimmt keine gute Luft, und vor allem keine neue. Es weht kein Wind. Die Luft fühlt sich an wie alt, abgestanden, eine Dunstglocke, keine Zirkulation. Das fällt mir jetzt auf, nachdem ich zum ersten Mal seit langem frische Luft atme.

Nach nur 5 Minuten setzen wir unsere Fahrt fort nach Puerto Madryn, dem Ziel unserer Reise.





Busfahren II: Münzjagd

19 10 2009

Hier seht ihr: Kleine Schätze. Nicht einfach nur Münzen, sondern unabdingbare Begleiter im Stadt-Alltag von Buenos Aires. Warum? Man braucht Münzen für die Colectivos, die Stadtbusse. Haken: Es gibt zu wenig Münzen. Hier beginnt das Problem, der tägliche Kampf um Kleingeld. Will man Busfahren, braucht man Münzen. Denn: Aus irgendeinem unerfindlichen Grund kann man den Bus NUR mit Münzen bezahlen.

Kleine Schätze des Alltags

Es gibt gefühlte 1000 Busse in der Stadt, die je nach Strecke $ (Pesos) 1,10 1,20 oder 1,25 kosten. Umgerechnet sind das 19, 21 oder 22 Cent (Manchmal kommt wirklich ein Kontrolleur und prüft, ob man nicht dreisterweise die Strecke von 22 Cent mit einem Ticket von 19 Cent fährt). Gemessen jedoch an der Unzahl an Menschen, die jeden Tag Bus fahren, gibt es irgendwie nicht genug Kleingeld in dieser Stadt und keine Anstalten, es zu vermehren. Der kleinste Schein ist übrigens 2$ (0,35 €) und das größte Münzstück 1$ (0,17 €) wert. Der 2 Peso-Schein bringt einem beim Busfahren aber leider nicht weiter. Der notorische Münzmangel führt dazu, dass man immer seine Münzen sammeln muss, beim Einkaufen so tut, als hätte man kein Kleingeld und immer so kalkulieren sollte, dass man Münzen zurückbekommt. Wenn man Pech hat, wird dann aber abgerundet, weil auch der Verkäufer kein Kleingeld hat…

Hier im Zentrum ist es nicht allzuschwer, Münzen zu sammeln. In den ärmeren Vierteln, wo wahrscheinlich mehr Menschen Bus fahren, in Boca zum Beispiel, herrscht absolute Kleingeldnot. Alle Kiosks haben Schilder im Fenster: No hay monedas – Es gibt kein Kleingeld. Den Porteños zufolge hat sich die Situation schon verbessert, vor ein paar Monaten, war angeblich kaum Kleingeld im Umlauf. Vielleicht hatte die Münzmafia ihre Finger im Spiel: Münzgeld gabs auf dem Schwarzmarkt, Wechselkurs 8 zu 10.





Busfahren I: Der Guía T – eine Hassliebe

19 10 2009

Guía T, Plano 17 Den Busfahrplan von Buenos Aires zu lesen, ist eine Wissenschaft für sich. Hier seht ihr eine Seite des Busfahrplans, „Guía T„, der in Wirklichkeit ein halbes Buch ist. Die ganze Stadt ist aufgeteilt in 36 Pläne mit 24 Quadraten, so wie hier auf der rechten Seite des Fotos. Kommt es einem in den Sinn, mit dem Bus von einem Ort zum andern zu fahren, setzt dies zuerst eine akribische Recherchearbeit voraus. Ein Detektiv hätte seine helle Freude daran, nehme ich an.

Es folgt: Ein zum Scheitern verurteilter Erklärungsversuch.

Schritt 1: Man sucht sich aus den 36 Plänen das Quadrat X, wo man losfahren möchte und guckt dann (auf der linken Seite des Fotos, wo die Busnummern der einzelnen Quadrate aufgelistet sind), welche Busse aus diesem Quadrat X auch in dem Quadrat Y vorbeifahren, in dem man ankommen möchte (Y befindet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer anderen Seite des Fahrplans).

Schritt 2Schritt 2: Im hinteren Teil des Plans sind die Strecken der Buslinien verzeichnet, d.h. die Straßennamen in der Reihenfolge, in der sie der Bus abfährt. Aus den (wenn man Glück hat vorhandenen) übereinstimmenden Busnummern aus Abfahrts- und Ankunftsquadrat, sucht man sich nun den Bus heraus, der am nahesten am Zielort entlang fährt. Hört sich simpel an, aber um herauszufinden, welcher Bus das ist, muss man die Route des Busses nachvollziehen können und wissen, auf welcher Höhe der Straßen der Bus jeweils abbiegt. Denn die Straßen hier durchqueren immer die halbe Stadt und reichen teilweise bis zu Hausnummern in die 8000er-Bereiche. Kompliziertes Unterfangen. Eine unbekannte Strecke zu erforschen, erfordet demnach Zeit und Geduld, besonders wenn man die meisten Straßen noch nicht kennt. Man blättert hin und her, sucht Straßen, dann Alternativen (weil man die Straßen nicht gefunden hat), Unmut wächst, Zeit rennt, man ist schon zu spät…und nimmt ein Taxi. Oder das Fahrrad in meinem Fall.

Das ein oder andere Mal kann man schon daran verzweifeln, pfeffert seinen Guía T in die nächste Ecke, um ihn sodann gleich wieder hervorzukramen, denn ohne ihn, die Bibel eines jeden Neuankömmlings in dieser Riesenstadt, ist man dann doch aufgeschmissen.